Wie bereits angekündigt möchte ich mit diesem Blog-Beitrag die Sicherungsmethode „Niederzurren“ in den Mittelpunkt stellen und genauer beleuchten.
Um den Zusammenhang zu verdeutlichen, hier noch mal die Grafik aus der Folge 67.
Wir betrachten heute unter den vielen möglichen Sicherungsmethoden, nur über die im blau umrandeten Bereich. Also Niederzurren und Niederhalten. Die häufigsten Ladungen werden mit Niederzurren gesichert, weil sie einfach anzuwenden ist. „Gurt über die Ladung werfen, einhängen, spannen, fertig“.
Tatsächlich ist es aber die Methode, bei der die meisten Randbedingungen zu beachten sind und somit auch die, bei der die meisten Fehler gemacht werden können.
Das Wirkungsprinzip des Niederzurrens ist der Kraftschluss. Somit ergeben sich folgende, zu beachtende Randbedingungen:
- 1.Vorspannkraft: dauerhaft anliegend
- a. Art der Spannvorrichtung
- b Dehnung des Gurtmaterials
- c. Anzahl der Umlenkungen
- 2. Reibkraft: möglichst hoch
- a. Besenreine Ladefläche
- b. Rutschhemmendes Material gem. VDI
- c. Richtige Anwendung des Materials
- 3. Zurrwinkel α
- a. Zurrwinkel Alpha
- b. Anzahl der Umlenkpunkte
Betrachten wir nun die einzelnen Randbedingungen:
1. Die Vorspannkraft
Sie muss dauerhaft, während der ganzen Transportphase anliegen und darf sich nicht durch die Änderung des Zurrumfangs reduzieren.
Der anfängliche Zurrumfang (grüne Linie) hat sich während des Transportes verändert und ist kürzer geworden (rote Linie). Die Gurtlänge zwischen den Zurrpunkte bleibt jedoch gleich, weshalb sich die Vorspannkraft zwangsläufig reduziert.
Reduzierte Vorspannkraft = Ladung nicht gesichert.
1a. Die Art der Spannvorrichtung
hat wesentlichen Einfluss auf die Vorspannkraft. Es gibt zwei Varianten:
- Die Kurzhebel-Druckratsche (links) und
- Die Langhebel-Zugratsche (rechts)
Bei der Kurzhebel-Druckratsche
muss die SHF (Handkraft) von 50daN durch „nach oben Drücken“ des Handgriffs erreicht werden. Jeder kann das Problem nachvollziehen, wenn er versucht eine Hantel von 50kg mit einer Hand nach oben zu drücken.
Bei der Langhebel-Zugratsche
muss die SHF (Handkraft) von 50daN durch „nach unten Ziehen“ erreicht werden.
Dabei wird das ganze Körpergewicht eingesetzt um die Zugkraft zu erreichen. Erfahrungsgemäß liegt das Körpergewicht in den meisten Fällen über 50kg.
Somit die die Wahrscheinlichkeit, die angegebene SHF zur erreichen wesentlich größer als mit der Kurzhebel-Druckratsche
1b. Die Dehnung des Gurtmaterials
beeinflusst die Vorspannkraft vor allem dann, wenn durch zu geringe Vorspannkraft der Gurt nicht ausreichend gedehnt wurde.
Während der Transportphase gleicht sich das aus und Vorspannkraft geht verloren. Im Bild hat der Gurt eine Dehnung von 7%.
Das bedeutet, dass sich das Gurtmaterial auf einen Meter Länge um 7cm dehnt. Nehmen wir einen Zurrumfang von 4m an, dann wären das 28cm. Der Maßstab soll die Relation verdeutlichen.
1c. Die Anzahl der Umlenkpunkte
reduziert die Übertragung der Vorspannkraft von der Ratschenseite zum anderen Ende des Gurtes. Das lässt sich nicht immer vermeiden, muss jedoch berücksichtig werden, z.B. mit dem Sicherheitsfaktor.
2. Die Reibkraft
zwischen der Ladung/Ladungsträger und der Ladefläche sollte möglichst hoch sein. Der Reibkraftbeiwert wird mit μ angegeben.
Die Zertifikate der Aufliegerhersteller geben im Regelfall für den verbauten Siebdruckboden einen Reibbeiwert von μ=0,3 an.
Rechenbeispiel:
Eine Ladung wiegt 1.000kg~1.000daN.
Bei einem Reibbeiwert von μ=0,3 würde die Reibkraft 1.000daN x 0,3 = 300daN betragen.
Nachdem keine speziellen Maßnahmen benannt werden, kann man davon ausgehen, dass durch gründliches Abkehren der Reibbeiwert von μ=0,3 annähernd erreicht werden.
Stichwort „besenreine Ladefläche“.
2a. Rutschhemmendes Material
zu verwenden, um den Reibbeiwert zu erhöhen, kann durchaus Sinn machen. Es muss jedoch den Vorgaben der VDI-2700 Blatt 15 „Rutschhemmende Materialien“ entsprechen.
Dort sind die erforderlichen Eigenschaften wie z.B. Reißdehnung festgelegt. Nicht alles, was angeboten entspricht den Vorgaben.
Bauschutzmatten oder Reste von Förderbändern, siehe Bild, gehören nicht dazu.
Das Bild zeigt eine ARM mit schlechter Qualität, weil sie wegen zu geringer Reißdehnung zerschlissen ist.
Der Reibbeiwert gemäß VDI beträgt im Regelfall μ=0,6, vorausgesetzt die Ladefläche ist besenrein.
Der positive Unterschied ist leicht zu erkennen.
Rechenbeispiel:
Eine Ladung wiegt 1.000kg~1.000daN.
Bei einem Reibbeiwert von μ=0,6 würde die Reibkraft 1.000daN x 0,6 = 600daN betragen.
2b. Richtige Anwendung von Antirutschmatten (ARM).
Der häufigste Fehler besteht darin, dass die ARM auf der verschmutzten Ladefläche platziert werden.
Das Bild zeigt eine außergewöhnlich negative Situation.
Bei der Anwendung der ARM darf die Verformung durch Druck maximal 20% betragen.
Im Bild wurde die Matte durch zu geringe Auflagefläche durchgestanzt. Es ist also immer darauf zu achten, dass die Flächenpressung nicht zu groß ist.
Die Situation auf diesem Bild zeigt, dass die zulässige Flächenpressung bereits überschritten ist.
Eine ARM entfaltet nur dann ihre maximale Wirkung, wenn die Ladung über die ARM komplett von der Ladeflläche getrennt wird. „Entkoppelt“ ist der entsprechende Begriff.
Nur in dem grünen Bereich ergibt sich ein erhöhter Reibwert. Im roten Bereich besteht Kontakt zur Ladefläche. Der Ladungsträger ist nicht entkoppelt.
Bei Fahrversuchen würde sich zeigen, dass die Ladeeinheit sich um den grünen Bereich dreht, weil im roten Bereich der Reibwert geringer ist.
Solche Situationen und die verschmutzte Ladefläche sind die häufigsten Fehler.
Nur der rote senkrechte Pfeil repräsentiert die wirksame Vorspannkraft, welche die Ladung sichert. Je flacher der Winkel, desto geringer die Sicherungskraft.
Die häufigsten Fehler entstehen, weil weder Verlader noch Fahrer die Zusammenhänge kennen oder verstehen.
Die erst kürzlich fotografierte Situation zeigt dies deutlich. Die Gurte sichern maximal gegen „Davonfliegen“, aber nicht gegen Ladungsbewegung.
Ein Vorwurf könnte lauten:
ungeeignetes Fahrzeug, weil die Ladung sich wegen fehlender Zurrpunkte nicht wirksam sichern lässt.
Das ist eine der Formeln, gemäß der VDI-2700, mit der die erforderliche Vorspannkraft für das Niederzurren errechnet werden kann.
Der gelbe Rahmen zeigt den Zusammenhang zwischen Reibung und Beschleunigung. Cx,y ist der Wert für die Beschleunigung längs oder quer zur Fahrtrichtung.
μ ist der Reibbeiwert
Cz die senkrecht Erdbeschleunigung 9,81m/s2 ~ 1
Cx = 0,8g; Cy = 0,5g; μ=0,3: Cz = 9,81m/s2 ~ 1
0,8 – 0,3 x 1 = 0,5
Daraus folgt, die wirksame Beschleunigung in Fahrrichtung beträgt in dem Fall 0,5g
Der rote Rahmen ist das Ladungsgewicht aus der mit der Erdbeschleunigung die Massekraft ermittelt wird.
m x g = 1.000kg x 9,81m/s2 = 9810kg m/s2 = 9810N = 981daN ~ 1.000daN
Für die folgende Berechnung wird die Erdbeschleunigung auf 10 aufgerundet und das Ladungsgewicht beträgt 1.000kg
Der lila Rahmen enthält die wirksame Vorspannkraft in Abhängigkeit vom Reibbeiwert und dem Zurrwinkel α.
Für die folgende Berechnung nehmen wir den Zurrwinkel α mit 75° an. Der Sinus daraus beträgt 0,9659
2n= sind die beiden Zurrwinkel α die sich üblicherweise bei einer Zurrung ergeben.
Weil das Wirkungsprinzip „kraftschlüssig“ ist, muss auch hier der Reibbeiwert μ eingerechnet werden.
Mit der Funktion sin α wird der senkrechte Kraftanteil der Vorspannkraft ermittelt.
Der blaue Rahmen enthält den Sicherheitsfaktor, um Unsicherheiten zu kompensieren.
Er soll 1,25 betragen.
Das Ladungsgewicht von 1.000kg muss mit einer Vorspannkraft von 539daN gesichert werden. Soweit die Theorie!
- Denkfehler Nummer 1 ist die Annahme, dass mit einem Gurt, der eine LC von 2.500daN aufweist, eine Ladung von 2.500kg gesichert werden kann.
- Denkfehler Nummer 2 ist die Annahme, dass die Anliegende Vorspannkraft zu 100% wirksam ist.
Nehmen wir für das Rechenbeispiel den Gurt mit diesem Etikett.
Er hat wegen der geringen Vorspannkraft von 250daN mit großer Wahrscheinlichkeit eine Kurzhebel-Druckratsche.
Nehmen wir an, dass die Vorspannkraft von 250daN tatsächlich erreicht wird.
Unter den angenommenen Bedingungen bleiben von dieser Vorspannkraft nur 72daN übrig.
Die Rechnung würde mit obigen Annahmen wie folgt aussehen:
FT = 250daN x μ x sin α =
FT = 250daN x 0,3 x 0,9659 = 72daN
Die Anzahl der Gurte lässt sich mit der erforderlichen Sicherungskraft von 539daN und der wirksamen STF des Gurtes von 72daN durch dividieren ermitteln.
539daN / 72daN = 7,48 Gurte ergibt aufgerundet 8 Gurte.
Um die Ladung von 1.000kg mit diesem Gurtmaterial zu sichern wären also 8 Gurte notwendig. Viele Fahrer und Verlader werden den Kopf schütteln und sagen, zwei Gurte müssen reichen.
Falls der LKW eine Standard-Zurrpunktverteilung gem. EN-12640 hat, würden der erste (1.) und letzte (8.) Gurt ca. 9m auseinander liegen. Vielleicht stehen die 1.000kg aber auf einer einzigen Europalette. Dann lösen sich die vorstehenden Überlegungen in Luft auf.
Falls jemand einen Zurrmittelrechner oder eine App verwendet wird er feststellen, dass diese Randbedingung überhaupt nicht berücksichtigt wird.
Die Methode „Niederhalten“ unterscheidet sich vom Niederzurren dadurch, dass die überwiegende Sicherungskraft durch rutschhemmende Maßnahmen erbracht wird. Die Gurte sorgen lediglich dafür, dass der Kontakt zu den ARM durch variierende senkrechte Beschleunigungen nicht verloren geht.
Die detaillieren Erläuterung sollen zeigen, wie risikobehaftet die Methode „Niederzurren“ ist. Bevor sie angewendet wird, sollte über andere Sicherungsmethoden oder zumindest „Niederhalten“ nachgedacht werden.
Wie immer sollen meine Ausführungen die Thematik nur anreißen, aber nicht erschöpfend behandeln. Wer sich mit der Aufgabenstellung vertraut macht, wird vielleicht Lösungen finden, die einfach und besser sind. Lediglich nichts tun erhöht das allgemeine Risiko während der Transportphase für alle Beteiligten und das sollte unbedingt vermieden werden.
Packen Sie es an, es kann nur besser werden!

Sigurd Ehringer
✔ VDI-zertifizierter Ausbilder für Ladungssicherung ✔ Fachbuch-Autor ✔ 8 Jahre Projektmanager ✔ 12 Jahre bei der Bundeswehr (Kompaniechef) ✔ 20 Jahre Vertriebserfahrung ✔ seit 1996 Berater/Ausbilder in der Logistik ✔ 44 Jahre Ausbilder/Trainer in verschiedenen Bereichen —> In einer Reihe von Fachbeiträgen aus der Praxis, zu Themen rund um den Container und LKW, erhalten Sie Profiwissen aus erster Hand. Wie sichert man Ladung korrekt und was sind die Grundlagen der Ladungssicherung? Erarbeitet und vorgestellt werden sie von Sigurd Ehringer, Inhaber von SE-LogCon.
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